Kaufen Sie Ihren Oldtimer vor allem mit dem Herzen

Ein Artikel von Reinhard H. Sachse (Geschäftsführer) Steenbuck-Automobiles

Als ich vor über 35 Jahren dem Oldtimer-Hobby verfiel, gab es kaum Kommerz.

Einzelne fanden klassische Autos schön, weil die Ästhetik oder außergewöhnliche Technik gefiel. Oder man hatte Kindheitserinnerungen, die es festzuhalten galt. Kaufentscheidungen fielen nach Herz und Bauchlage.

Der Zustand der klassischen Fahrzeuge entsprach fast nie heutigen Perfektionsvorstellungen, aber es gab viel Spaß mit den alten Autos. Die Mitmenschen verstanden die „Verrückten“, die altes Eisen fahren, kaum. Wer benutzte schon freiwillig ein Fahrzeug das alles schlechter konnte als ein damals modernes Auto? Die Anzahl der Vehikel der 30er und 50er Jahre war bedeutend.

Ich weiß noch genau, als ich dem renommierten Allgemeinen Schnauferl Club ASC (gegründet 1900) beitrat, wurde ich milde ob meines Youngtimers, Mercedes 190 SL, belächelt. Die Vielfalt der Marken und Typen war enorm. Es kam nicht auf hohe Motorleistung oder Berühmtheit des alten Autos an, das Herz sagte dem Enthusiasten, welcher alte Wagen der richtige wäre.

Natürlich waren auch damals Autos vor 1914 eher selten. Die jeweilige Benutzer-Generation wollte sich an die Vehikel erinnern können. So ist es ganz normal, dass heute für junge Oldtimer-Enthusiasten Fahrzeuge der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts alte, sammelwerte Autos sind.

Es ist nie selbstverständlich gewesen, dass Liebhaber alten Blechs mit Fahrzeugen begannen, die älter als die Käufer selbst waren. Wichtig war also der persönliche Bezug zu einem entsprechenden Objekt. Auch damals schon gab es „gute Ratschläge“ von Experten und erfahrenen Sammlern.

Was hat sich in der Entwicklung völlig geändert?

Der Kommerz, also die Überlegung, ob man mit dem Oldtimer Geld machen kann, ist verhältnismäßig ausgeprägt. Früher war die Messlatte ein Mercedes 300 SL Gullwing (Flügeltürer) oder bestimmte Ferraris. Die große Anzahl der Klassiker war von spekulativen Überlegungen kaum berührt.

Was ich bedauere und kritisiere, ist die Verschiebung der Prioritäten für eine Kaufentscheidung eines Klassikers. Man muss bei der Überlegung, welches der passende Oldtimer ist, den „Kopf“ nicht beiseitelegen. Aber die Fragen, was will ich mit dem Fahrzeug tun, wo soll der Klassiker eingesetzt werden, was muss er daher können, sind die wichtigen Überlegungen. Ist mein Wunscholdtimer werthaltig? Kann ich damit eine nennenswerte Rendite erwirtschaften, das sind Überlegungen, die zunehmend kaufentscheidend werden. Da geht etwas verloren. Das Oldtimer-Hobby soll ein Hobby sein, das Freude bereitet.

Zu diesen Überlegungen der Kaufinteressenten passt auch die Hysterie der „matching numbers“ Fahrzeuge. Also nur, wenn der Oldtimer von der Karosserie/Chassis, Motor, Getriebe etc. nummernkorrekt so ausgeliefert wurde, ist er werthaltig?

Wenn man bedenkt, dass viele Klassiker, 30-50 Jahre alt, ja auch gefahren wurden, so ergibt sich ziemlich sicher, dass Aggregate getauscht wurden. Früher, als es von den Werken schnell und kostengünstig Tauschmotoren gab, wäre niemand auf die Idee einer Reparatur des Aggregates gekommen. Einige Hersteller schrieben sogar vor, dass die nummernlosen Tauschmotoren von den Vertragswerkstätten mit den originalen Nummern zu versehen seien.

So glaubt manch einer nur, sein Fahrzeug wäre „matching“.

Heute gibt es Hersteller, die den Eigentümern klassischer Fahrzeuge des betreffenden Fabrikates suggerieren wollen, der Oldtimer wäre nur von Wert mit einem aktuellen Echtheitszertifikat des Herstellers. Eine Bevormundung die leider viele Eigentümer kritiklos hinnehmen.

Aber wenn die Kaufentscheidungen so fallen, wie wird die Kaufpreisentwicklung sein?

Nur wenige Fabrikate und Typen erfüllen diese Kriterien. Also verdichtet sich die Nachfrage darauf. Das führt in diesem Segment zu höherer Nachfrage als Angebot, also Preissteigerungen. Teilweise zu schwindelerregenden Anstiegen.

Die Interessenten klagen, dass sie sich dieses teure Hobby bald nicht mehr leisten können. Diejenigen, die beginnen, über das Hobby klassische Fahrzeuge, nachzudenken, werden verunsichert. Das ist sehr bedauerlich. Führt es doch auch dazu, dass der Handel ganze Fahrzeuggruppen ausgrenzt.

Mangels Nachfrage werden solche Klassiker nicht mehr gepflegt oder restauriert. Natürlich gilt nach wie vor, ein Klassiker ist besonders wertbeständig, wenn das Fahrzeug offen, zweisitzig ist, hohe Leistung hat, einer berühmten Marke entspringt, am bestem einem Fabrikat, das heute noch erfolgreich ist. Das ist alles unbestritten.

Aber erfüllen solche edlen Fahrzeuge die Wünsche der vielen verschiedenen Interessenten? Nein, die Nachfrage ist weit vielschichtiger. Hinzu kommt, dass auf Veranstaltungen, Ralleys etc. die kleinen, unscheinbaren Mauerblümchen oft positiv auffallen. Diese Fahrzeuge sind Publikumslieblinge, gerade weil man sich an sie erinnern kann. Der Traumwagen war einer und bleibt es für viele auch immer. Ist das schlimm? Keineswegs.

Bei gewissen Kaufpreisgrößen getrauen sich die Eigentümer oftmals nicht mehr, mit ihrem Superklassiker auf die Straße zu gehen. Damit ist das Hobby Oldtimer konterkariert. Ein klassisches Auto soll und muss bewegt werden. Wer diese Überlegungen bedenkt, kann auch heute noch attraktive, preisgünstige Klassiker erwerben.

 

Meine Damen und Herren, Liebhaber klassischer Fahrzeuge, Mut zur Nische!

Auch in meinem Oldtimer-Handelshaus Steenbuck-Automobiles versuchen wir genaue diese Balance zu halten. Es gelingt, wenn man es will. Der Oldtimer für EUR 30.000 passt durchaus neben das Millionenobjekt. Wählen Sie Ihren Favoriten nach Ihren Gefühlen für das Fahrzeug. Wenn Ihr/e Partner/in es auch so sieht, umso besser. Das „Hirn“ und das Budget müssen ja nicht außen vor bleiben. Sie werden sehen, so macht die Jagd nach ihrem Lieblingsoldtimer richtig Spaß. Sie werden feststellen, dass es viele Wahlmöglichkeiten gibt und die Freude am Oldtimer-Hobby sehr groß sein kann. Sicher stimmen Sie mir zu, dass es darauf vor allem ankommt.

 

Ihnen allen Freude und Erfüllung mit ihren klassischen Fahrzeugen

Reinhard H. Sachse ist in der Oldtimer-Szene seit Jahrzehnten bekannt. Seine Favoriten sind Fahrzeuge bis 1939. Als Inhaber von Steenbuck-Automobiles befasst er sich auf einem alten Anwesen in der Lüneburger Heide mit dem Handel von Klassikern, Vorkrieg, 50er bis 70er Jahre und zunehmend mit Youngtimern.

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Veröffentlich von oldie69 am 19. April 2017 um 17:56

    sehr schöner Artikel mit interessanten Einblicken in die Oldtimer Szene. Vielen Dank, Herr Sachse!

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